Wirtschaftsverkehrsgutachten für die Stadt Aachen – Ergebnisse und Empfehlungen
FB 68/0095/WP19 · Kenntnisnahme
Beratung
Frau Kirsch und Herr Gade vom Fraunhofer IML stellen das Gutachten vor.
Frau Wolf hat zwei Nachfragen. Zum Einen möchte sie gerne näheres zu den Dauerzählstellen wissen und zum Anderen über die Erfassung der Daten vor sieben Uhr.
Frau Kirsch erklärt gemeinsam mit Herrn Große-Puppendahl, dass man bereits seit Jahren an festen Stellen 24/7 mittels Kameras die sogenannten Dauerzählstellen habe, während es zweimal wöchentlich mobile Messungen gebe, die bisher jeweils um 7 Uhr starteten und wo die Empfehlung laute, diese mobilen Messungen bereits früher starten zu lassen.
Frau Weilandt erkundigt sich, was die Verwaltung mit dem Gutachten mache und wann es in Gänze dem Ausschuss zur Verfügung gestellt werde.
Es handele sich um ein deutschlandweites Novum hier in einem ersten Schritt zu schauen, was möglich sei und das Wissen zusammen zu führen.
Daraus ergäben sich dann entsprechende Handlungsfelder und Kernbereiche, so Herr Schrömbges. Das Gutachten an sich werde man zeitnah auf der Homepage bereitstellen.
Beschluss
Erläuterungen
Erläuterungen
Der Wirtschaftsverkehr in Aachen ist für die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit Gütern und Produkten sowie für Produktions- und Dienstleistungsbetriebe eine unverzichtbare Voraussetzung für Leben und wirtschaftliches Handeln.
Stadtverträglicher Wirtschaftsverkehr und funktionierende City Logistik sind vor dem Hintergrund stetig steigender Verkehrszahlen nur zu vereinbaren, wenn die Kommune aktiv in Zusammenarbeit mit Stakeholdern die Gestaltung und Steuerung der Lieferverkehre plant, koordiniert und entsprechende Maßnahmen auch unter Berücksichtigung anderer Maßnahmen der Verkehrsentwicklungs- und weiterer Planungsgrundlagen umsetzt.
Eine belastbare Datengrundlage für das Erreichen der Ziele der Verkehrsentwicklungsplanung und des Klimaschutzes hinsichtlich des Wirtschaftsverkehrs ist unerlässlich und fehlte bislang. Vor diesem Hintergrund hat die Verwaltung die Leistung „Erstellung eines Wirtschaftsverkehrsgutachtens für die Stadt Aachen“ ausgeschrieben und das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik mit Sitz in Dortmund am 13.8.2024 beauftragt.
Das Wirtschaftsverkehrsgutachten für die Stadt Aachen verfolgt das Ziel, auf Basis vorhandener Daten zum Lieferverkehr den Ist-Zustand des Güterverkehrs möglichst gut abzubilden und daraus Empfehlungen und Maßnahmenvorschläge für Aachen abzuleiten. Darüber hinaus sollen Entwicklungsszenarien des städtischen Verkehrs und der Emissionen für die Jahre 2027 und 2030 dargestellt werden. Der Untersuchungsraum ist das Stadtgebiet Aachen mit seiner Kernstadt innerhalb des Grabenrings, des Alleenrings und der Außenring (Adenauerallee/Madrider Ring/Berliner Ring/Prager Ring/A4/Toledoring/Pariser Ring/Amsterdamer Ring/Brüsseler Ring/Luxemburger Ring/St. Vither Str./Siegelallee) sowie je nach Datenlage einiger Gewerbegebiete.
Erste Zwischenergebnisse des Gutachtens wurden beim Runden Tisch Wirtschaftsverkehr am 13.11.2025 mit verschiedenen Stakeholdern diskutiert. Die Rückmeldungen aus der Diskussion sind ebenfalls in die Erstellung des Gutachtens und in die Empfehlungen von Maßnahmen mit eingeflossen.
Die Ergebnisse des Wirtschaftsverkehrsgutachtens werden in der Sitzung des Mobilitätsausschusses durch das Fraunhofer IML präsentiert. Eine Executive Summary des Gutachtens findet sich in der Anlage 1.
Ergebnisse des Gutachtens
Der städtische Wirtschaftsverkehr umfasst den Güterwirtschaftsverkehr (z.B. Pakete, Lebensmittel) und Personenwirtschaftsverkehr (z.B. Dienstreisen, Pflegedienste). Die Erfassung der güterverkehrlichen Ist-Situation beruht auf empirischen Daten verschiedener Quellen, modellgestützten Rechnungen und Analysen sowie Stakeholder-Interviews und kartografischen Darstellungen. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass nicht alle städtischen Wirtschaftsverkehre gleichermaßen erhoben werden können. In den Daten lassen sich vor allem Fahrzeugtypen nach Länge bzw. Gewicht unterscheiden. Besonders lange bzw. schwere Fahrzeuge gehören in der Regel zum Wirtschaftsverkehr, wie die Speditionen, das Handwerk, die Baustellenverkehre, die (städtischen) Dienstleistungsfahrzeuge und Kurier-, Paket- und Expressdienste (KEP) sowie sonstige Verkehre wie beispielsweise die der Gastronomie. Im Gegensatz dazu kann der Personenwirtschaftsverkehr (z.B. der sozialen Dienste) nicht vom übrigen PKW-Verkehr unterschieden und damit auch nicht erfasst werden. Diese Art an Wirtschaftsverkehr lässt sich nur durch allgemeine Abschätzungen oder Beteiligung der entsprechenden Stakeholder quantitativ erfassen.
Durch die Kombination dieser vielfältigen Methoden lässt sich eine Bewertung aktueller Belastungen und Potenziale durchführen, die in belastbarere Prognosen über zukünftige Entwicklungen des Wirtschaftsverkehrs überführt werden können.
Damit lassen sich konkrete Maßnahmen auch im zeitlichen Verlauf ableiten wie beispielsweise die Einrichtung von Ladezonen und Ladebereichen, die Schaffung einer ausreichenden Ladeinfrastruktur für alternative Antriebe, die Förderung von alternativen Antrieben und der Einsatz von digitalen Steuerungsansätzen, die den Wirtschaftsverkehr in Aachen stadtverträglich und zukunftsfähig mitgestalten.
Die Ist-Analyse des Wirtschaftsverkehrs in Aachen behandelt zahlreiche Themen. Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse des Status Quo vorgestellt:
Im gesamten Stadtgebiet dominiert der Personenverkehr, wobei der Anteil des Wirtschaftsverkehrs je nach Messstelle zwischen 6 und 12 % der gezählten Fahrzeuge liegt.
Die quantitative Erfassung des Güterwirtschaftsverkehrs basiert auf 39 temporären video-basierten Zählstellen im Stadtgebiet sowie auf zugekauften Daten zum Kfz-Verkehr (sogenannte Floating Car Data). Für die Erfassung der Ist-Situation werden die Daten der 39 Zählstellen mit den Floating Car Data kombiniert.
Die Identifikation von Hotspots und der Einfluss von Baustellen und Straßensperren sind für die städtische Verkehrsplanung und das Mobilitätsmanagement unerlässliche Grundlagen. Besondere Problemlagen entstehen durch hohe Verkehrsaufkommen, verkehrsbedingte Antriebsemissionen und Unfallgeschehen mit Beteiligung des Wirtschaftsverkehrs.
Die zehn aufkommensstärksten temporären Messtellen mit besonders hohen täglichen Verkehrsbelastungen von Lkw, Auflieger-Lkw und Sattel-Kfz (Knotenstromzählungen) liegen mehrheitlich für den östlichen Teil des Alleenrings an den Kreuzungspunkten Adalbertsteinweg (602 Fz), Jülicher Straße (601 Fz), Karmeliterstraße (372 Fz), Krefelder Straße (572 Fz), Oppenhoffallee (596 Fz), Römerstraße (475 Fz) sowie für den nordwestlichen Teil im Bereich Einmündung Roermonder Straße (379 Fz) und für die Einmündung Kühlwetterstraße in die Roermonder Straße (358 Fz) vor. In unmittelbarer Nähe des Autobahnanschlusses „Rothe Erde“ wird mit 1.907 Fahrzeugen das stärkste Aufkommen an Lkw tagsüber registriert.
Die acht Experteninterviews mit Stückgut- und KEP-Dienstleistern beinhalteten auch Fragen zu (aktuellen) Baustellen (A 544) und Straßensperrungen (Turmstraße) in Aachen. Trotz der objektiv gemessenen Umwegefaktoren wurde die Sperrung der Turmstraße in fast allen Gesprächen mit „kaum spürbare“ bis „keine“ Auswirkungen benannt. Die Sperrung der A544 führte zu täglichen Umwegen, die mit etwa 4–5 km pro Tour oder einer längeren Tourdauer von 10 Minuten bis 40 Minuten angegeben wurden. Von der Baustellensituation in Aachen sind vier von fünf Gesprächspartnern erheblich betroffen. Es wird ein verbessertes, frühzeitiges Baustellen- und Veranstaltungsmonitoring (inklusive digitaler Vorabinformationen) als Voraussetzung für einen effizienten Wirtschaftsverkehr angemerkt.
Die Bewertung der Verkehrssicherheit auf Straßen im Aachener Stadtgebiet betrifft auch das Unfallgeschehen mit Beteiligung des Wirtschaftsverkehrs. Für den Zeitraum vom 11.01.2022 bis 24.12.2024 wurden 173 Unfallvorgänge erfasst und analysiert. Besonders häufig sind Unfälle mit Beteiligung des Wirtschaftsverkehrs auf der Trierer Straße und dem östlichen Alleenring zu verzeichnen. Auf diesen Straßen sind 70 % aller Unfälle mit leichten Personenschäden zu nennen gefolgt von schwerwiegenden Unfällen mit Sachschaden (23 %).
Die ökologische Bewertung der Emissionen an CO2-Äquivalenten (CO2e) des Güterverkehrs liefert Ergebnisse, die sowohl für verkehrsplanerische als auch für die Bewertung klimaschutzrelevanter Maßnahmen, eine unerlässliche Grundlage darstellen und daher auch für das Monitoring des Aachener Klimastadtvertrags von Bedeutung sind. Die in Aachen durch den Wirtschaftsverkehr verursachten Emissionen, die aufgrund der gefahrenen Fahrzeugkilometer entstehen, werden mit 27.729 t CO2e beziffert und haben damit einen Anteil von ca. 10 % an den Gesamtemissionen im Sektor Verkehr in Aachen (Stand 2024).
Für die Entwicklung der Aktivität des Wirtschaftsverkehrs besteht grundsätzlich die Möglichkeit, die in der Bundesverkehrswegeplanung 2040 angenommene Entwicklung der Güterverkehrsleistung zu verwenden. Eine Auswertung mehrerer Ausgaben des von den Industrie- und Handelskammern im Rheinland unregelmäßig publizierten „Verkehrsleitbilds Rheinland“ zeigt jedoch 1. eine von der BVWP2040 (und ihrem Vorgänger) abweichende erwartete Verkehrsentwicklung, die eine wesentlich stärkere Zunahme des Güterverkehrs beschreibt, und 2. eine systematische Lücke zwischen (historischen) Verkehrsprognosen des „Verkehrsleitbilds Rheinland“ und den Erwartungen der BVWP2040. Aus diesem Grund wurden drei Szenarien für den künftigen Wirtschaftsverkehr in der Stadt Aachen gebildet: Szenario 1: Entwicklung gemäß BVWP2040, Szenario 2: Entwicklung gemäß „Verkehrsleitbild Rheinland“ und als drittes Szenario eine Entwicklung gemäß BVWP2040, korrigiert um die o. g. systematische Unterschätzung der Verkehrsentwicklung.
Für diese sowie eine zusätzliche moderate Verkehrsentwicklung werden untersucht, wie sich a) ein hoher Elektrifizierungsgrad der Nutzfahrzeugflotte bei Erfüllung des EEG-Ziels 2030, b) ein geringer Elektrifizierungsgrad bei Nicht-Erfüllung des EEG-Ziels 2030 und c) ein durchschnittlicher Elektrifizierungsgrad bei Erfüllung des EEG-Ziels auf die Emissionen im Aachener Wirtschaftsverkehr auswirken.
Es kann festgestellt werden, dass in allen Szenarien Konstellationen entstehen können, in denen die Emissionen des Wirtschaftsverkehrs im Jahr 2030 über denen des Jahres 2024 liegen, auch dann, wenn eine optimistische Entwicklung von Strommix und Elektrifizierungsgrad angenommen wird. Der Grund hierfür liegt im wachsenden Verkehrsaufkommen sowie weiterhin hohen Anteil von Verbrennerfahrzeugen in der Flotte. Eine Verringerung der Emissionen für 2027 und 2030 lässt sich demnach nur erwarten, wenn der Verkehr in geringem Maße wächst, die Elektrifizierung des Wirtschaftsverkehrs voranschreitet und dabei der Anteil der Erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung mindestens 80 % beträgt. Die nachstehend aufgeführten Empfehlungen können dazu einen Beitrag leisten.
Empfehlungen von Maßnahmen im Wirtschaftsverkehr
Die dem Wirtschaftsverkehrsgutachten zugrunde liegenden Analysen führen zu einer Reihe von Maßnahmenempfehlungen, die die Stadt Aachen in der Verkehrsentwicklungsplanung und im Mobilitäts-management bereits umsetzt bzw. zukünftig berücksichtigen kann. Im Einzelnen können folgende Empfehlungen aufgeführt werden:
Maßnahmenvorschläge des Fraunhofer IML mit hoher Effektivität und Umsetzbarkeit im Aachener Kontext
-Effizienter Einsatz von Flächen im Innenstadtbereich
oBei Einrichtung von Paketboxen anbieterübergreifende Konzepte favorisieren und Doppelstrukturen damit vermeiden
oStetiger Ausbau von Ladezonen und Ladebereichen
oKlar beschilderte Lade- und Lieferzonen, Sicherstellung der ordnungsgemäßen Nutzung,
oDimensionierung von Flächen und Ladezonen in ausreichender Größe in Hinblick auf die dort haltenden schweren Fahrzeuge
oUnterstützung von Mikro-Depot-Strukturen als Startpunkt für Belieferung mit Lastenrad/Kleinfahrzeug
-Unterstützung des Hochlaufs und Privilegierung emissionsfreier Fahrzeuge
oattraktive Einfahrtszeitfenster für emissionsfreie Fahrzeuge
oAusbau der (städtischen) Ladeinfrastruktur für den Güterverkehr, um die lokalen CO2- und Lärm-Emissionen im Güterverkehr zu senken
oVerlagerung von geeigneten Lieferverkehren in Off-Peak- und Nachtzeiten nutzt die freien Räume und Ressourcen in diesen Zeitfenstern und entlastet gleichzeitig die Spitzenzeiten im Verkehr
-Flankierende Maßnahmen
oFrühzeitige Ankündigung von Baustelleneinrichtungen und temporärer Sperrungen über automatisierte digitale Schnittstellen und Weitergabe der Informationen an die Unternehmen
oKontrolle von Fehlbelegungen der eingeschränkten Haltverbote, Ladezonen und Ladebereiche
oKlare Kommunikation der Maßnahmen und der Übergangsfristen
oInterkommunaler Austausch
-Verbesserung der Datengrundlage der Verkehrsplanung
oKontinuierliche Datenerfassung des Wirtschaftsverkehrs mittels Dauerzählmessstellen mit erweiterten Erfassungszeiträumen, um langfristige Entwicklungen wie saisonale Schwankungen, Ermittlung des Wirtschaftsverkehrsanteils etc. analysieren und bewerten zu können
oMessung des ruhenden Verkehrs
oMessung des fließenden Verkehrs
Weitere Maßnahmenvorschläge mit Zusatznutzen
-Tritt die Stadt Aachen selbst als Auslöser für Belieferungsverkehr bei Beschaffungsaufträgen auf, können ökologische Kriterien in den Katalog der Zuschlagskriterien mit aufgenommen werden
-Nutzung der Möglichkeiten der Digitalisierung wie z.B. die zeitliche und räumliche Steuerung von Lieferverkehren (bspw. geräuscharme Nachtlogistik), intelligente Verkehrsmanagementsysteme, die frühzeitige Bereitstellung von Daten bzw. Informationen bezüglich Baustellen und Straßensperrungen
-Städtische Unterstützung bei der Entwicklung und Einrichtung von Umschlagpunkten für KEP- und Lebensmittel-/Stückgut-Unternehmen
Die Ergebnisse und Empfehlungen des Wirtschaftsverkehrsgutachtens werden hinsichtlich ihrer Aufnahme in die städtische Verkehrs- und Stadtentwicklungsplanung geprüft bzw. berücksichtigt, den zu beteiligenden politischen Gremien und Akteuren vorgestellt und anschließend in entsprechenden Beteiligungsformaten mit den relevanten Stakeholdern in die Umsetzung gebracht.
Abstimmungsergebnis
Weitere Dokumente (1)
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Technische Details
ID: 1023959
OParl URL:http://ratsinfo.aachen.de/public/oparl/agendaItems?id=1023959
Hauptdokument
Sammeldokument öffentlich
2026-05-11 FB 68_0095_WP19 Wirtschaftsverkehrsg SAO.pdf
28.5.2026
320.1 KB
Betroffene Straßen
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Metadaten
- TOP
- Ö 7
- Sitzung
- Sitzung des Mobilitätsausschusses und AVV Beirats der Stadt Aachen
- Gremium
- Mobilitätsausschuss
- Datum
- Do., 11.06.2026
- Uhrzeit
- 17:00
- Anlass
- Öffentliche/Nichtöffentliche Sitzung
- Vorlage
- Kenntnisnahme
- Beratung
- öffentlich
- Status
- gemischt
- Vorlageart
- Kenntnisnahme
- Federführend
- FB 68 - Mobilität und Verkehr
- Geändert
- 12.6.2026
- Inhalt abgerufen
- 24. Juli 2026 um 01:18