Hochwasserresilienz in Aachen - aktueller Stand
FB 36/0043/WP19 · Kenntnisnahme
Beratung
Herr von Thenen begrüßt Frau Stehn und Frau Lindner vom Fachbereich Klima und Umwelt sowie Frau Braun,
Herrn Kaleß, Frau Kozerke und Frau Schmitz vom Wasserverband Eifel-Rur.
Frau Stehn führt einleitend aus, dass nun fünf Jahre seit dem Hochwasserereignis 2021 vergangen seien. In diesen fünf Jahren sei auf unterschiedlichen Ebenen und bei unterschiedlichen Stellen viel erreicht und angestoßen worden. Einen Überblick hierüber, werde die Verwaltung gemeinsam mit dem Wasserverband der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Seit dem Hochwasserereignis seien viele Dinge geschehen. Hierüber wolle man in der heutigen Präsentation einen Überblick verschaffen. Frau Stehn führt aus, dass die Bürgerinnen und Bürger bei den Wiederaufbaumaßnahmen unterstützt worden seien. Offene Förderungsanfragen seien nicht mehr vorhanden. Der besonders aufwendige Wiederaufbau der Grundschule in Kornelimünster sei erfolgt. Die Schule sei ein Jahr nach dem Hochwasserereignis wieder eröffnet worden. Zudem seien zahlreiche Brücken, Wege und Ufermauern wieder hergestellt worden.
Des Weiteren sei das Hochwasserereignis auch in Hinblick auf die unterschiedlichen Vorhersagemöglichkeiten, das Krisenmanagement und den Katastrophenschutz ausgewertet worden. In diesem Zusammenhang seien auf verschiedenen Ebenen Verbessrungen abgeleitet worden. Hierbei benennt Frau Stehn insbesondere:
- die Melde- und Kommunikationswege der verschiedenen Akteure (Wer spricht mit wem),
- die Verbesserung die Warnung der Bevölkerung betreffend,
- die verschiedenen Forschungsprojekte zur Verbesserung von Prognosen und Lagebildern,
- die Eigenvorsorge: Hochwasserschutz könne nicht allein die Aufgabe der öffentlichen Hand sein. Hierzu seien Informations- und Beratungsangebote in den einzelnen Gebieten gestartet worden (u.a. „Wissen über Wasser“),
- die unabhängige Beratungsstruktur zum Thema Starkregen,
- der Ansatz zum Einsatz von mobilen Hochwasserschutzsystemen (hierbei handle es sich um das jüngste Projekt),
- die Tatsache, dass Hochwasserschutz nicht in isolierter Einzelarbeit, sondern im Schulterschluss verschiedener Akteure, u.a. Stadt Aachen, StädteRegion, WVER und Wissenschaft, funktioniere.
Insgesamt befinde man sich in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Es müsse allerdings auch klar sein, dass niemand einen absoluten Hochwasserschutz bieten könne. Das Ereignis 2021 sei ein Extremereignis gewesen und könne kein neuer Schutzstandard sein.
In den letzten 30 Jahren seien rund 12 km Wasser im gesamten Aachener Stadtgebiet renaturiert worden. Dies fließe ebenfalls in den Hochwasserschutz ein.
Der Wasserverband geht im Rahmen einer Präsentation auf weitere Einzelmaßnahmen ein. Derzeit führe man eine Machbarkeitsstudie aus. Danach steige man in die Leistungsphase 1-4 ein. Wann das Wasserrückhaltebecken fertig sei, ließe sich derzeit nicht verbindlich sagen. Da dieses über mehrere Generationen bestehen bleiben solle, bedürfe dieses Vorhaben besonders viel Planung und Zeit.
Herr Hoffner bedankt sich für die Ausführungen in der Präsentation. Dies stimme ihn optimistisch. Er habe einige Fragen, welche sich aus der Präsentation ergeben haben.
Zunächst wolle er wissen, wie es um die Beschleunigung des Planungsverfahrens des Landes stehe. In der Präsentation sei über einen Pakt gesprochen worden, dessen Ziel es sei, die Zeiten und Wege zu verkürzen. Er möchte wissen, ob dies auch in Hinblick auf die bürokratischen Hemmnisse hinsichtlich der Planung und des Baus des Rückhaltebeckens möglich sei. Das Ziel müsse sein, dass das Rückhaltebecken schnellstmöglich geplant und fertig gestellt werde.
Hieran schließe sich auch die nächste Frage von Herrn Hoffner an. Zu Beginn habe man mit den Eigentümern am Iterbach gesprochen. Er wolle wissen, ob man hier weitere Gespräche führen bzw. diesen Weg weiterverfolgen wolle, damit man bei einer Zusage in der Lage sei direkt weiter handeln zu können.
Bezüglich der Thematik Eigenvorsorge geht Herr Hoffner darauf ein, dass es bereits verschiedene Veranstaltungen sowohl im Bezirksamt als auch in den verschiedenen Ortschaften gegeben habe. Hier seien Möglichkeiten rund um die Thematik Eigenvorsorge vorgestellt worden. Eigenvorsorge funktioniere allerdings nur mit Koordination und Zusammenarbeit. Dies müsse forciert werden, da es zu einem Problem käme, wenn nur einige wenige in dieser Kette mithelfen würden.
Weiterhin fragt Herr Hoffner an, wie weit man in Thematik des NOAQ-Schutzsystems hinsichtlich der Koordination und Einbindung von Vereinen und Privatleuten sei, wie man transportieren und die Betroffenen hinsichtlich des Aufbaus trainiere.
In diesem Jahr solle die Sanierung der Stützmauer am Napoleonsberg beginnen. Demnach arbeite man bereits an einer Mauerseite. Er wolle wissen, ob dieses Vorhaben mit dem in der Präsentation benannten Vorhaben Kollidieren würde bzw. ob die Maßnahmen gegenseitig berücksichtigt worden seien.
Zuletzt bittet Herr Hoffner um intensive Prüfung, ob es tatsächlich aufgrund einzelner Pflanzen nicht möglich sei, das Rückhaltebecken an einer anderen Stelle zu errichten.
Herr Kaleß vom WVER geht auf die einzelnen Fragen ein.
Man hoffe, dass eine Beschleunigung hinsichtlich des Rückhaltebeckens stattfinden werde. Es gebe viele verschiedene Interessen, welche beim Hochwasserschutz eine Rolle spielten und übereinzubringen seien. So sei bspw. für die Straßenbaulastträger das Thema Hochwasserschutz nicht prioritär. Inwiefern man also die Vorgänge beschleunigen könne, könne man derzeit nicht seriös beantworten.
Bezüglich der nachbarschaftlichen Thematik gebe es ein weiteres Projekt. In diesem stünden Personalmittel zur Verfügung, um eine Hochwasserberatung anbieten zu dürfen. So könne man zwischenmenschliche Problematiken, welche dem gemeinsamen Hochwasserschutz ggf. im Wege stünden, versuchen zu beseitigen. Er stimme Herrn Hoffner zu, dass das Leuchtturmdenken Einzelner ein gesamtheitliches Problem darstelle. Man könne hier daher Angebote anbieten, welche die Dringlichkeit der Situation verdeutlichen.
Weiterhin führt er aus, dass die Eigentümer am Iterbach Informationen zu Bauarbeiten an den Grundstücken erhalten hätten. Es müsse allerdings erst ein Planfeststellungsverfahren stattfinden, um die Maßnahme zu sichern.
Herr Hoffner stellt eine Zwischenfrage. Er möchte wissen, ob man die Maßnahmen dennoch durchführen könne, wenn sich ein Grundstückseigentümer gegen die Bauarbeiten aussprechen würde.
Herr Kaleß führt aus, dass in einem solchen Fall Ausgleichsmaßnahmen angeboten werden können. Zudem habe man weitere Kompensationsmöglichkeiten, um gemeinsam einen demokratischen und friedlichen Lösungsweg zu finden.
Bezüglich der Ufermauern verweist Herr Kaleß an die Kollegin Braun. Diese führt aus, dass die Maßnahmen in der gleichen Zeit umsetzbar seien. Man würde sich gegenseitig abstimmen und sehe insgesamt wenig Konfliktpotential.
Bezüglich der mobilen Wände (NOAQ) sei der Hochwasserverband laut Herrn Kaleß nicht der erste Ansprech-partner. Dies sei eher bei der Feuerwehr oder dem Katastrophenschutz zu verorten. Frau Stehn verweist weiterführend darauf, dass in diesem Fall Herr Allwißner vom städtischen Dezernat 1 der zuständige Ansprechpartner sei. Der Wasserverband sei zwar an Gesprächen beteiligt, jedoch nicht federführend. Den von Herrn Hoffner angesprochenen Punkt bezüglich des Steinbruchs Hahn nehme man mit.
Herr Dunker ist verwundert über die Aussage, dass es keine Problematik für die Rettungswege gebe, sollte es zu einer Überschwemmung der Aachener Straße kommen. Er habe sich im Geodatenportal eine Karte aufgerufen, nach welcher bereits bei der Simulation eines seltenen Ereignisses die Monschauer Straße, Teile der Schleidener Straße sowie Teile des Iternbergs mit einem Meter überflutet würden. Er stellt sich die Frage, ob die Bereiche Walheim und Schmithof hierdurch tatsächlich nicht gefährdet und nach wie vor durch Rettungsfahrzeuge erreichbar seien.
Herr Kaleß wisse, dass die Aachener Straße hochwassergefährdet sei. Er verweist auf das HüPros Projekt, nach welchem man bereits einige Stunden im Vorhinein wisse, wo und ob es knapp werde. Man könne demnach deutlich früher agieren und Bereiche, die laut Prognose besonders stark betroffen seien, versuchen, bestmöglich zu schützen.
Herr Kiemes führt aus, bereits im Umweltausschuss die von Herrn Dunker angesprochene Thematik erfragt zu haben. Er bitte diesbezüglich ebenfalls um erneute Prüfung. Während es für Kornelimünster augenscheinlich viele Planungen gebe, bitte er um Auskunft über die Messstationen in den Ortsteile Sief, Schmithof und Hahn. In Sief seien Baumgartsweg und die Raerener Straße gefährdet. Zudem führe im weiteren Verlauf die Inde durch Friesenrath und Hahn. Er fragt, ob auch hier sichergestellt sei, dass durch frühzeitige Berechnungen entsprechende Prognosen gestellt werden. Bezüglich des Steinbruches führt Herr Kiemes aus, dass diese Maßnahme im Hochwasserplan enthalten und nicht verworfen sei.
Man habe auch im nicht-deutschen Bereich ein Quellgebiet, so Herr Kaleß. Man hätte demnach einen Informationsverlust, wenn man nicht auch in diesem Bereich Messungen vornehmen würde. Dies sei allerdings gelungen. Man habe auch auf der belgischen Seite Sensor-Technik installieren können. Dies ermögliche auch in kleineren Ortsteilen eine gute Vorhersehbarkeit. Weiterhin führt Herr Kaleß aus, dass die Möglichkeit der digitalen Auswertungen zwar begrüßenswert seien, allerdings könne es aufgrund der „Messeinheit Wasser“ durch Umweltereignisse auch zu falschen Messergebnissen kommen. Dennoch sei es wichtig und gut, Prognosesysteme zu haben und frühzeitige Warnungen aussprechen zu können. Weiterhin führt Herr Kaleß aus, dass es viele Einzelmaßnahmen gegeben habe, welche als nicht umsetzbar gekennzeichnet seien. Bei 170 Ideen müsse man priorisieren. Man müsse schauen, wo das Schutzniveau ggf. schon hoch sei, um für den gesamte Einzugsbereich eine gute Lösung zu finden.
Herr Jumpers geht auf die Aussage von Herrn Kaleß ein, dass die genaue Bauzeit für das Wasserrückhaltebecken nicht ermittelbar sei. Für Vicht müsse Herr Kaleß laut Herrn Jumpers allerdings eine genaue Aussage treffen können. Er wolle wissen, ob die Fertigstellung 2027 oder 2028 erfolge. Frau Braun entgegnet, dass in 2027 damit zu rechnen sei. Herr Jumpers fragt weiter, ob dann nicht auch eine Aussage über das Rückhaltebecken an der Aachener Straße getroffen werden könne. Herr Kaleß wolle keine falschen Erwartungen wecken. Der Plan an der Aachener Straße sei lange noch nicht so weit wie die Pläne für Vicht. Es sehe alles gut aus und man sei in Gesprächen. Ein Umsetzungsdatum könne allerdings zum derzeitigen Stand der Leistungsphase nicht getroffen werden.
Herr Brunkartz findet es interessant, wie der Planungsstand nach fünf Jahres sei. Er führt aus, dass es sich scheinbar auch um eine städtische Problematik handle. Die Stadt Herzogenrath sei bereits viel weiter als die Stadt Aachen. Das Verteilen von Broschüren sei zwar sehr interessant, allerdings sei dies nicht das, was die Betroffenen sehen wollen. Die Inde sei seinerzeit vorrangig vor der Iter behandelt worden. Dies habe sich nun geändert. Selbst wenn Friesenrath demnach erstmal hintenanstehe, könne man auch mit kleineren Maßnahmen etwas bewirken. Im Hochwasserresilienzkonzept von 1972, welches noch öffentlich einsehbar sei, wären auf Seite 17 Ausführungen zum Steinbruch Walheim zu finden. Hier gäbe es Pumpstationen, welche noch vor-handen und funktionsfähig seien. Durch Nutzung dieser Pipelines könne man sogar den Steinbruch in Sief zusätzlich mit Wasser befüllen, was einen hohen Mehrwert darstelle. Herr Brunkartz verstehe nicht, dass dies nie berücksichtigt worden sei. Weiterführend benennt Herr Brunkartz die Eigenvorsorge, welche jedoch durch den Denkmalschutz gedeckelt werde. Als Eigentümer könne man sich die besten Dinge ausdenken, jedoch dürfe man die Maßnahmen nicht umsetzen, da viele Gebäude unter Denkmalschutz stünden. Dies sei ebenso wenig nachvollziehbar wie die Tatsache, dass in Bezug auf den Retentionsschutz Anträge teilweise seitens der Stadt Aachen seit 10 Jahren nicht bearbeitet seien. Hierzu könne er gerne Unterlagen einreichen. Herr Brunkartz sehe zudem einen starken Fokus auf den Südraum und bittet, hierdurch nicht die anderen Stellen zu vernachlässigen. Zusammenfassend bitte er um Berücksichtigung der von ihm benannten Punkte.
Herr Hoffner weist darauf hin, dass er nirgends bemerkt habe, dass der Denkmalschutz vor den Anliegen der Bürgerinnen stehen würde. Der Denkmalschutz sei ggf. in einigen Fällen höher angesetzt als gewünscht, aber sicherlich nicht beim Hochwasserschutz. Herr Dr. Ziemons habe zugesagt, dass er die Angelegenheit mehr im Auge behalte und das alles schneller voran gehen solle. Herr Hoffner schätze alle Beteiligten so ein, dass sie willig seien und keiner den Prozess verlangsamen wolle.
Herr von Thenen geht erklärend auf des mobile Hochwassersystem NOAQ ein. Hierbei handle es sich um ein System, was man sich als Art Lego Bauteil vorstellen könne. Es werde mit einem Klick System zusammengebaut und schützt das eigene Haus. Es ersetze Unmengen an Sandsäcken. Ein Eigentümer könne hierauf zugreifen und in kurzer Zeit sein eigenes Haus schützen.
Ergänzend führt Herr Hoffner aus, dass es bei einer Sitzung so vorgestellt worden sei, dass Vereine und Privat-leute bei dem Aufbau von NOAQ helfen und unterstützen. Dies sei im Vorhinein zu organisieren und nicht vom Einzelnen stemmbar. Der Aufbau sei tatsächlich relativ einfach.
Bezüglich eines Fokus auf den Südraum führt Frau Stehn aus, dass dieser durch die starke Betroffenheit 2021 zustande gekommen sei. Trotzdem müsse man in der Betrachtung über die Wurm und den Europaplatz hin-aussehen. Es solle nicht zu dem Gedanken kommen, dass es im Norden schneller gehe als im Süden.
Frau Braun ergänzt die Kernaufgaben des Wasserverbands. Man habe genauso wie im Straßenbau gewisse Regularien und Vorgaben. Zudem sei man an Fördermittel gebunden, da die Maßnahmen sehr teuer seien. Man könne demnach nicht für einzelne Ortslagen andere Schutzziele vereinbaren.
Herr Kiemes bitte darum, für eine kommende Präsentation die Gesamtmaßnahmen einmal darzustellen. Zudem begrüße er es, wenn bei einer kommenden Bezirksvertretungssitzungen die Feuerwehr anwesend wäre, um Fragen direkt bei ihr platzieren und das Vorhaben besser nachvollziehen zu können.
Herr Brunkartz geht auf die Ausführungen von Herrn Dunker hinsichtlich der Überflutung der Aachener Straße ein. Hierbei werde sicherlich auch noch die Frage gestellt müssen, wie viel Wasser abgelassen werde und wie viel Wasser durch die Ortschaften aufgefangen werden könne. Derzeit erlebe er auf verschiedenen Grundstücken die Renaturierung der Gewässer durch das Forstamt. Hier sehe er die allergrößte Gefahr für Kornelimünster. Durch die ganze Verklauselung finde ein Durchbruch statt. Hierdurch käme die doppelte Welle auf Kornelimünster zu. Herr Brunkartz appelliert, dass man einen kontrollierten Abfluss benötige.
Beschluss
Erläuterungen
Die Vorlage gibt anlässlich des bevorstehenden fünften Jahrestages des extremen Hochwasserereignisses vom 14.07.2021 einen zusammenfassenden Überblick über den aktuellen Sachstand der Hochwasservorsorge und Hochwasserresilienz im Stadtgebiet Aachen. Dabei wird zugleich die Anfrage der CDU-Fraktion „Geplante bzw. durchgeführte Maßnahmen zum Hochwasserschutz im Bezirk“ vom 28.03.2026 berücksichtigt, insbesondere hinsichtlich der dargestellten baulichen Maßnahmen zum Hochwasserschutz im Bezirk Aachen-Kornelimünster/Walheim.
Die nachstehend dargestellten Handlungsfelder skizzieren die wesentlichen Entwicklungen seit dem Hochwasserereignis 2021 und werden zu Beginn der Sitzung zunächst zusammenfassend vorgestellt. Im Rahmen der anschließenden Präsentation wird vertiefend insbesondere auf die unter Punkt 3 dargestellten baulichen Maßnahmen zum Hochwasserschutz eingegangen. Darüber hinaus erfolgt ein kurzer Bericht zum aktuellen Stand des Hochwasser-Regionalpakts Eifel-Rur.
1. Wiederaufbau
Nach dem Hochwasserereignis vom 14.07.2021 lag der Schwerpunkt zunächst auf der Bewältigung der unmittelbaren Schäden und der Unterstützung des Wiederaufbaus im Stadtgebiet. Fünf Jahre nach dem Ereignis ist der Wiederaufbau erfolgreich umgesetzt und weitgehend abgeschlossen.
Ein wesentlicher Bestandteil der Wiederaufbauphase war die Unterstützung der Betroffenen bei der Beantragung und Abwicklung von Sofort- und Wiederaufbauhilfen. Hierzu waren Mitarbeiterinnen des Sozialamtes insbesondere in der ersten Förderphase regelmäßig vor Ort in den betroffenen Bezirken präsent, unterstützten bei der Antragstellung und ermöglichten eine zügige Bearbeitung und Auszahlung der Hilfen.
Den größten Wiederaufbauaufwand im Bereich städtischer Gebäude stellte die Grundschule Kornelimünster dar, die durch das Hochwasser massiv beschädigt wurde und anschließend durch das Gebäudemanagement der Stadt Aachen mit Mitteln der Wiederaufbauhilfe NRW aufwendig wiederhergestellt werden musste. Darüber hinaus wurde für den Standort ein bauliches Hochwasserschutzkonzept erarbeitet, dessen Umsetzung derzeit vorbereitet wird.
Zudem wurden durch den Aachener Stadtbetrieb zahlreiche durch das Hochwasser beschädigte Brücken, Wege, Ufermauern und Gewässerbauwerke im Einzugsgebiet der Inde wiederhergestellt oder instandgesetzt. Weitere Maßnahmen befinden sich derzeit noch in der Umsetzung. In der Sitzung der Bezirksvertretung Aachen-Kornelimünster/Walheim am 11.06.2025 stellte der Stadtbetrieb die umfangreichen Maßnahmen speziell an den Brücken vor.
Über den Wiederaufbau hinaus werden insbesondere im Rahmen neuer Baugebiete die Anforderungen an die Regenwasserbewirtschaftung vorsorgend und konsequenter umgesetzt. Ziel ist es, zusätzliche Abflussspitzen in Gewässer zu vermeiden und nachteilige Auswirkungen auf den Hochwasserschutz zu verhindern. Dazu werden Maßnahmen zum Wasserrückhalt und zur verzögerten Ableitung des Niederschlagswassers vorgesehen, etwa durch dezentrale Muldensysteme oder Stauraumkanäle, um eine weitere Verschärfung der Hochwassergefahr zu vermeiden.
2. Konzeptionelles Vorgehen im Hochwasserschutz und Verwaltungshandeln
Neben dem Wiederaufbau war es nach dem Hochwasserereignis 2021 erforderlich, den Hochwasserschutz auf konzeptioneller Ebene strategisch und langfristig weiterzuentwickeln. Da Fließgewässersysteme auf Ebene ihrer gesamten Einzugsgebiete betrachtet werden müssen, können Einzelmaßnahmen an einer Stelle nachteilige Auswirkungen auf unterliegende Bereiche haben. Auch die erwartete Zunahme und Intensivierung von Niederschlagsereignissen infolge des Klimawandels werden hierbei berücksichtigt.
Bereits unmittelbar nach dem Hochwasserereignis 2021 wurde gemeinsam mit dem Wasserverband Eifel-Rur, dem Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen sowie betroffenen Kommunen, darunter auch die Stadt Aachen, der Masterplan „Hochwasserresiliente Stadt- und Gebietsentwicklung im Einzugsgebiet von Inde und Vicht“ erarbeitet. Ziel war die Identifikation und Priorisierung geeigneter, aufeinander abgestimmter Maßnahmen zur Stärkung der Hochwasserresilienz auf Ebene der gesamten Flusseinzugsgebiete.
Darauf aufbauend wurde zwischen der Stadt Aachen, der StädteRegion Aachen und dem Wasserverband Eifel-Rur (WVER) ein Regionales Hochwasserrisikomanagement etabliert, das als gemeinsame Abstimmungs- und Koordinierungsplattform zwischen den beteiligten Verwaltungen und dem Wasserverband dient.
Darüber hinaus wird derzeit auf Initiative des Umweltministeriums NRW der Hochwasser-Regionalpakt Eifel-Rur vorbereitet. Ziele sind insbesondere die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, die aktive Flächensicherung sowie eine stärkere Verknüpfung von Hochwasser- und Starkregenvorsorge.
3. Bauliche Maßnahmen zum Hochwasserschutz auf dem Gebiet der Stadt Aachen
Neben den strategischen und organisatorischen Ansätzen wurden auch konkrete bauliche Maßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes auf den Weg gebracht. Dabei liegt der Fokus nicht ausschließlich auf neuen Großprojekten, sondern ebenso auf der Anpassung bestehender Schutzstrukturen. Im Einzugsgebiet der Wurm wurde jüngst beispielsweise das Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Kahlgracht durch den WVER erhöht; weitere Maßnahmen an den HRB Rödgerbach und Debyestraße folgen. Im Einzugsgebiet der Inde ist durch den WVER die Erhöhung der altstadtseitigen Ufermauer in Kornelimünster in detaillierter Planung, die einen wichtigen Baustein zur Verbesserung des Hochwasserschutzes im Ort für ein HQ 100 darstellt. Für einen als Schwachstelle identifizierten Durchgang von der Innenstadt zur Inde im Bereich der Straßenbrücke Napoleonsberg („Pilgerweg“) wird eine dauerhafte Hochwasserschutzlösung vorbereitet, nachdem die dortige Schutzanlage beim Hochwasserereignis 2021 erheblich beschädigt worden war.
Darüber hinaus befinden sich neue Hochwasserschutzanlagen in der Planungsphase durch den WVER. Von besonderer Bedeutung ist hierbei das HRB Iterbach im Einzugsgebiet der Inde. Die grundlegende geotechnische Untersuchung hat ergeben, dass der bestehende Straßendamm grundsätzlich geeignet ist, für den Bau eines Rückhaltebeckens genutzt zu werden, allerdings noch umfangreiche Umbauten und Verstärkungen erforderlich sind. Aktuell wird eine wasserbauliche Machbarkeitsstudie abgeschlossen, in der verschiedene Umbauvarianten geprüft werden. Im weiteren Verlauf folgen die konkrete Planung sowie das wasserrechtliche Genehmigungsverfahren, in dem insbesondere Umwelt-, Sicherheits- und Hochwasserschutzaspekte umfassend geprüft werden. Bis zur baulichen Umsetzung und Inbetriebnahme des Beckens wird daher noch ein längerer Zeitraum von mehreren Jahren vergehen.
Im Einzugsgebiet der Wurm wird derzeit das neue HRB Beverbach durch den WVER geplant, um den Hochwasserschutz in Teilen der innerstädtischen Bebauung von Aachen zu verbessern.
Ergänzend zu baulich-technischen Maßnahmen tragen Gewässerrenaturierungen zum Hochwasserschutz bei, indem zusätzliche Retentionsräume geschaffen, Abflussgeschwindigkeiten reduziert und natürliche Wasserrückhaltefunktionen gestärkt werden. Aufgrund der dichten Siedlungsstrukturen und begrenzten Flächenverfügbarkeiten können solche Maßnahmen häufig nur schrittweise umgesetzt werden. Insgesamt konnten in den vergangenen Jahrzehnten bereits rund 12 km Gewässer im Stadtgebiet renaturiert werden. Neben dem Gewässer- und Naturschutz gewinnt hierbei zunehmend auch der Hochwasserschutz an Bedeutung.
4. Vorhersage und Vorgehen im akuten Hochwasserfall
Das Hochwasserereignis 2021 wurde hinsichtlich der Ereignisbewältigung und Gefahrenkommunikation umfassend aufgearbeitet. Dabei wurden insbesondere die Abstimmung zwischen Wasserwirtschaft, Katastrophenschutz und den beteiligten Verwaltungen, die internen Melde- und Kommunikationswege sowie die Warnung der Bevölkerung und die Krisen- und Gefahrenkommunikation weiterentwickelt.
Darüber hinaus hat sich die Stadt Aachen aktiv an mehreren wissenschaftlichen Projekten zur Verbesserung von Hochwasser- und Starkregenprognosen in der Region beteiligt. Hierzu zählen insbesondere die Projekte HÜProS und INFRAH, in denen KI-gestützte Frühwarn- und Prognosesysteme für kleinere Gewässer und Starkregenereignisse entwickelt werden. Ziel dieser Projekte ist es, Prognosen und Lagebilder deutlich zu verbessern, um dem Bevölkerungsschutz, den beteiligten Behörden sowie der Bevölkerung im Hochwasserfall bessere Informationen zur Verfügung zu stellen und mehr Zeit zur Reaktion zu verschaffen.
5. Informationen für BürgerInnen zur Gefahreneinschätzung und Unterstützung bei der Eigenvorsorge
Im Nachgang zum 1. Aktionstag Hochwasser am 06.09.2024 in Kornelimünster führte die Stadt Aachen im 1. Quartal 2025 weitere Hochwasser-Aktionstage in Hahn, Friesenrath und Sief durch. Diese umfassten Vor-Ort-Begehungen sowie niedrigschwellige Erstberatungen für Gebäudeeigentümer*innen durch unabhängige Fachexperten; eine regelmäßige Fortführung solcher Formate wird angestrebt.
Ergänzend wurde 2026 die gemeinsame Informationskampagne „Wissen über Wasser“ von Stadt Aachen, StädteRegion Aachen und dem Wasserverband Eifel-Rur gestartet (www.wissen-über-wasser.de). Sie bündelt Informationen, Karten und praxisnahe Hinweise zur Hochwasser- und Starkregenvorsorge und dient insbesondere der allgemeinen Sensibilisierung und Erstinformation von Bürger*innen, Architekten, Ingenieuren und Bauherren sowie Schüler*innen und Jugendlichen.
Zur strukturellen Stärkung der privaten Starkregen- und Hochwasservorsorge unterstützt die Stadt darüber hinaus den gemeinsamen Aufbau einer unabhängigen Beratungsplattform durch altbau plus (abp) und den neu gegründeten Verein neuwasser e. V. Ziel ist die Schaffung einer dauerhaften Anlaufstelle, die eine neutrale und qualifizierte Beratung zur Eigenvorsorge – auch vor Ort – durch geschulte Fachleute ermöglicht und in Abstimmung mit „wissen-überwasser.de“ alle erforderlichen Informationen bereitstellt.
6. Mobile Hochwasserschutzsysteme und bürgerschaftliche Mitwirkung
Als ergänzender Ansatz zu den bestehenden Strukturen im Hochwasserschutz wird derzeit eine durch die Stadt initiierte und getragene Struktur zum Einsatz mobiler Hochwasserschutzsysteme zur stärkeren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die Hochwasservorsorge und -bewältigung aufgebaut. Ziel ist es, die Selbstvorsorge zu stärken und zusätzliche Handlungsmöglichkeiten im Hochwasserfall zu schaffen. Dabei sollen mobile Schutzsysteme im Bedarfsfall durch geschulte Bürgerinnen und Bürger vor Ort unterstützt eingesetzt werden und so zu einem kollektiv getragenen Schutz beitragen.
Der Ansatz versteht sich als Ergänzung zu den Maßnahmen des Wasserverbands Eifel-Rur und kann die Resilienz vor Ort sowie die Eigenverantwortung und Handlungssicherheit der Bevölkerung stärken. Erste Rückmeldungen aus der Bürgerschaft zeigen eine hohe Akzeptanz und verdeutlichen den Bedarf an Formaten, die ein aktives Mitwirken ermöglichen. Das Vorhaben befindet sich derzeit im Aufbau und wird vor einer Umsetzung wasserrechtlich sowie organisatorisch geprüft, um eine sichere und wirksame Ausgestaltung zu gewährleisten.
Technische Details
ID: 1024053
OParl URL:http://ratsinfo.aachen.de/public/oparl/agendaItems?id=1024053
Hauptdokument
Sammeldokument öffentlich
2026-05-12 FB 36_0043_WP19 Hochwasserresilienz SAO.pdf
22.5.2026
88.3 KB
Betroffene Straßen
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Metadaten
- TOP
- Ö 8
- Sitzung
- Sitzung der Bezirksvertretung Aachen-Kornelimünster / Walheim
- Gremium
- Bezirksvertretung Aachen-Kornelimünster / Walheim
- Datum
- Mi., 10.06.2026
- Uhrzeit
- 17:00
- Anlass
- Öffentliche/Nichtöffentliche Sitzung
- Vorlage
- Kenntnisnahme
- Beratung
- öffentlich
- Status
- gemischt
- Vorlageart
- Kenntnisnahme
- Federführend
- FB 36 - Fachbereich Klima und Umwelt
- Geändert
- 14.7.2026
- Inhalt abgerufen
- 3. September 2026 um 01:25